Interpreten

Solist

10. - 13. Mai '20

Tournee VIII
10. - 13. Mai '20

Lucas Debargue

Tournee

Konzertdaten und Orte

Interpreten

Programm Bern und Luzern

Zu Beginn jedes Konzerts erhalten talentierte Sängerinnen und Sänger sowie Instrumentalisten aus der Schweiz Gelegenheit, sich dem Publikum vorzustellen. Eine «Ouvertüre» in doppelter Hinsicht: nicht nur als Einstimmung auf den Konzertabend, sondern auch als Türöffner für «Unsere Stars von morgen».


Ouvertüre

Mit seinem 2. Klavierkonzert gelang Sergei Rachmaninow nichts weniger als ein künstlerischer Befreiungsschlag. Nach der desaströsen Uraufführung seiner 1. Sinfonie 1897 war der junge Mann in Selbstzweifel und Niedergeschlagenheit versunken. Drei Jahre lang konnte er kaum komponieren, hielt sich als Dirigent und Pianist über Wasser. Erst ein Arzt, der Internist Nikolai Dahl, konnte ihm helfen: durch Hypnose.
Im Grunde tat Dahl nichts anderes, als dem verunsicherten Komponisten seine Selbstsicherheit zurückzugeben: Der Satz «Du wirst dein Konzert schreiben und es wird von exzellenter Qualität sein» wurde zum Mantra Rachmaninows. Im Sommer 1900 begann er mit der Komposition von op. 18 und schloss sie nach erfolgreicher Teilaufführung Ende des Jahres im April 1901 ab. Mit der umjubelten Premiere im Oktober war Rachmaninows Ruf als Komponist wiederhergestellt.
Tatsächlich vermittelt seine Musik den Eindruck, als sei Rachmaninow nun endlich bei sich angekommen. «Ich versuche, immer das zu sagen, was mir am Herzen liegt», bekannte er einmal rückblickend. Der Grundzug des c-Moll-Konzerts ist rückhaltlos romantisch, mit dem Schwerpunkt auf eingängigen, ohrwurmtauglichen Melodien, die mit höchster pianistischer Raffinesse variiert und auf diese Weise ständig neu durchlebt, ja durchlitten werden. Die Übergänge zwischen den Sätzen sind ebenso planvoll konstruiert wie die Satzhöhepunkte – für den Solisten eine Herausforderung, für den Hörer ein Genuss. Gewidmet ist op. 18 übrigens Rachmaninows «Retter» Nikolai Dahl.
Dass wir Peter Tschaikowskis Ballettmusiken heute als klassische Werke, ja als Muster ihrer Gattung empfinden, war ihnen nicht in die Wiege gelegt. Der «Nussknacker» litt unter einer verkorksten Uraufführung, «Schwanensee» wurde erst lange nach Tschaikowskis Tod populär, und bei «Dornröschen» hiess es, die Musik sei zu ernst, zu sinfonisch. Was damals ein Kritikpunkt war, gilt uns heute als besonderer Vorzug der Komposition: Sie ist nicht bloss Hintergrund für spektakuläre Tanzdarbietungen, sondern hat eigenen künstlerischen Wert.
Als Orchestersuite fand «Dornröschen» daher schon bald Eingang ins Konzertrepertoire. Am bekanntesten ist die Suite op. 66a, die aus fünf Sätzen besteht und Tschaikowski zugeschrieben wurde, aber wohl nicht von ihm stammt. Die Fassung von Michail Pletnev enthält deutlich mehr Material aus der Ballettmusik und ist zudem chronologisch angeordnet, d.h. der Verlauf der Sätze folgt weitgehend der Handlung.
Im Ballett nehmen Charakter- und Gesellschaftstänze breiten Raum ein. Auf diese Weise präsentiert sich der Hofstaat um Prinzessin Aurora (das «Dornröschen») als buntes, vielschichtiges soziales Gefüge, das seine Gefühle und Überzeugungen stets in Aktion, in Schrittfolgen und Bewegung, übersetzt. Es gibt aber auch Momente des Innehaltens, grosse sinfonische Tableaus, etwa wenn Prinz Désiré seine Liebe zu Aurora entdeckt. Hier ist unverkennbar der Seelenkünstler Tschaikowski am Werk, der noch den verborgensten inneren Regungen seiner Figuren nachlauscht.

Programm Zürich und Genf

Zu Beginn jedes Konzerts erhalten talentierte Sängerinnen und Sänger sowie Instrumentalisten aus der Schweiz Gelegenheit, sich dem Publikum vorzustellen. Eine «Ouvertüre» in doppelter Hinsicht: nicht nur als Einstimmung auf den Konzertabend, sondern auch als Türöffner für «Unsere Stars von morgen».


Ouvertüre

Sergei Rachmaninows 1. Klavierkonzert ist das Werk eines 18-Jährigen, der gerade sein Studium am Moskauer Konservatorium beendete. Auch wenn es Vorbilder wie Schumann, Chopin und vor allem Grieg nicht verleugnet, weist es doch voraus in Rachmaninows berufliche Zukunft. Bei einer Teil-Uraufführung des Werks im März 1892 lobte die Presse «Geschmack, Sensibilität, Melodie, Eleganz und unbezweifelbares handwerkliches Können» des jungen Mannes.
Der Anfang des Konzerts gleicht einem Fanal: Auf eine Unisono-Fanfare der Bläser antwortet der Solist mit einer überfallartigen Akkord-Kaskade. Die eigentlichen Hauptthemen des 1. Satzes dagegen sind lyrischen Charakters, dunkel timbriert und atmen bereits die typische Rachmaninow-Aura mit ihrem sehnsüchtigen Auf und Ab. In der Durchführung findet ganz allmählich ein Rollentausch statt: Zunächst hat das Orchester allein das Wort, dann bringt sich das Klavier als Begleiter ins Spiel, etabliert sich als Dialogpartner und übernimmt zuletzt die Führung. Der liedartig angelegte 2. Satz lebt von reizvollen Dialogen des Klaviers mit Fagott, Horn und anderen Bläsern. Hier erweist sich Rachmaninow als ausserordentlich klangsensibler Komponist mit Sinn für Orchesterfarben. Das Finale nimmt den zu Beginn des Konzerts etablierten Gegensatz von Orchester-Unisono und virtuosen Klaviergesten auf, behält den energischen Bewegungsimpuls aber bei. Auf halber Strecke beruhigt sich das Geschehen kurzzeitig, bevor der Solist mit furiosen Triolenpassagen einen packenden Schlusspunkt setzt.
Nikolai Rimsky-Korsakovs Leben und Werk stehen beispielhaft für die Suche eines Künstlers nach den ihm eigenen Ausdrucksmitteln. Als 17-Jähriger stiess der Sohn eines Verwaltungsbeamten zum Kreis um Balakirew, wo man ihn nicht nur ermunterte, die Laufbahn eines Komponisten einzuschlagen, sondern ihm auch ästhetische Vorgaben machte: Hinwendung zu Stoffen der russischen Geschichte, Studium der Volksmusik, Abgrenzung von «westlichen» Einflüssen. Schon bald galt der junge Rimsky neben Mussorgski und Borodin als grosser Hoffnungsträger des Kreises. Mit der Übernahme einer Professur am Petersburger Konservatorium 1871 begann die allmähliche Abnabelung vom Mentor Balakirew. Auch im Opernschaffen von Rimsky schlägt sich dies nieder: Behandelte sein Erstling «Das Mädchen von Pskow» noch ein historisches Thema, spielt seine dritte Oper «Schneeflöckchen» in märchenhafter Vorzeit. Schneeflöckchen, die Tochter von Frühlingsfee und Väterchen Frost, begibt sich unter die Menschen, lernt die Liebe kennen, aber auch den Tod. Als am Ende der Frühling Einzug hält, schmilzt sie dahin.
Musikalisch hat die Abkehr von den Balakirew-Idealen dem Werk nicht geschadet, eher im Gegenteil. In «Schneeflöckchen» erweist sich Rimski-Korsakow als begnadeter Charakterzeichner und Klangzauberer. Einen kleinen Eindruck davon gibt die Suite aus der Oper: die von vielen Vogelrufen durchzogene Vorahnung des Frühlings (Introduktion), der zwitschernde Vogeltanz (zweiter Satz), der feierliche Aufzug des Zaren mit seiner unregelmässigen Taktgliederung und der wilde Tanz der Possenreisser.
Den «Hummelflug» kennt jeder – aber wer kennt die Oper, aus der er stammt? Nikolai Rimsky-Korsakov schrieb «Das Märchen vom Zaren Saltan» im Alter von 55 Jahren, auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Als Dozent am Petersburger Konservatorium, erfolgreicher Opernkomponist und letztes aktives Mitglied des «Mächtigen Häufleins», des Kreises um Mussorgski und Borodin, nahm er eine Vermittlerrolle zwischen Tschaikowskis Generation und den jungen Wilden wie Rachmaninow oder Strawinski ein, von denen einige zu seinen Schüler zählten.
Rimskis Oper, uraufgeführt im November 1900, handelt vom Zaren Saltan, der Frau und Sohn aufgrund von falschen Gerüchten verstösst. Nach vielen Irrfahrten und Wundertaten findet man sich wieder. Sohn Gwidon, zum Helden gereift, heiratet jene Prinzessin, die ihm zuvor als verzauberter Schwan zur Seite stand. Und die Hummel? In die hat sich Gwidon verwandeln lassen, um unerkannt an den Zarenhof gelangen zu können. Der berühmte Hummelflug ist zwar nicht Bestandteil der «Zar Saltan»-Orchestersuite, dafür aber die Introduktionen zu den Opernakten I und II sowie zur Schlussszene (IV. Akt). Sie alle werden, wie bei einer Jahrmarktskomödie, von einer Trompetenfanfare eröffnet. Schildert der erste Satz die fröhliche Stimmung am Zarenhof vor dem verhängnisvollen Urteilsspruch, malt der zweite Satz das aufgepeitschte Meer, auf dem Gwidon und seine Mutter in einem Fass ihrem ungewissen Schicksal entgegentreiben. Satz drei schliesslich beschreibt die drei Wunder der Insel Bujan: das magische Eichhörnchen, die 33 Krieger und die Schwanenprinzessin.
Nach dem Tod Peter Tschaikowskis 1893 trat der vier Jahre jüngere Nikolai Rimsky-Korsakov dessen Nachfolge als bedeutendster russischer Opernkomponist an. Bis zu seinem eigenen Tod 1908 schrieb er fast jährlich eine neue Oper, darunter mehrere auf Märchenstoffe, etwa «Der unsterbliche Kaschtschei» oder «Der Goldene Hahn». Auch «Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch», Rimskys vorletztes Bühnenwerk, gehört in diese Reihe. Es basiert auf der vorrangig mündlich überlieferten Sagentradition rund um die Stadt Kitesch, die sich der Zerstörung durch asiatische Eroberer auf wundersame Weise entzogen haben soll.
Träger der Handlung sind der junge Fürst Wsewolod und seine Braut, die gottesfürchtige Fewronia. Als die Tataren das Land überfallen, stirbt Wsewolod im Kampf; die Hauptstadt Kitesch aber versinkt im See und bleibt unversehrt. Hier, in der paradiesisch verwandelten Stadt, treffen sich die Liebenden wieder. Die Parallelen zu Wagners «Parsifal» liegen auf der Hand, auch wenn dem Rationalist Rimsky jegliche religiöse Überhöhung fremd war.
Seine Schlussapotheose klingt denn auch weniger weihevoll als folkloristisch geerdet, mit einem Glockengeläut, das fröhlichen Volksglauben vermittelt. Die weiteren Sätze der von Rimskys Schwiegersohn Maximilian Steinberg zusammengestellten Suite erzählen von der Natureinsamkeit, in der Fewronia aufwächst (1. Satz), von der Hochzeit, die durch den Einmarsch der Tataren unterbrochen wird (2. Satz) und nahtlos in die Schlacht am Fluss Kershenez übergeht (3. Satz).

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Biographie

Es gibt sie noch, die Musikerkarrieren, die jeder Vorhersehbarkeit trotzen. Aus einer Arztfamilie stammend, begann Lucas Debargue erst mit 11 Jahren Klavier zu spielen, hörte mit 15 wieder auf, studierte Literatur, kehrte zur Musik zurück und schlug sich als Jazzpianist durch. Ein dreijähriges Intensivstudium genügte dem jungen Mann, um beim Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb das Publikum zu begeistern und die Jury zu spalten; Valery Gergiev und Boris Beresowski gehörten zu seinen prominenten Fürsprechern. Die internationale Fachpresse schloss sich ihrem Lob an: Für seine bisher erschienenen CD-Einspielungen erhielt Debargue, der auch als Komponist tätig ist, Auszeichnungen wie den niederländischen Edison und den Echo Klassik. «Musik ist ein Herzensbrecher, der dein Leben verändert», sagt der Pianist, und diese Haltung schlägt sich in seinem Spiel nieder: Es ist vorbehaltlos subjektiv und willensstark – so unverwechselbar wie seine gesamte Laufbahn.

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