Interpreten

Orchester

19. Nov '20

Konzert
19. Nov '20

Orchestre des Champs-Elysées / Collegium Vocale Gent

Tournee

Konzertdaten und Orte

Interpreten

Programm

Auf dem berühmtesten aller Beethoven-Porträts, dem Ölbild Joseph Stielers von 1820, hält der Komponist eine Partitur in Händen: die der Missa Solemnis. Kein Zufall, schätzte Beethoven sie doch als sein «grösstes Werk». Dem fertigen Stück gab er die berühmten Worte mit auf den Weg: «Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehen.» Damit setzte er den Schlusspunkt unter eine insgesamt vierjährige Arbeit, in der es ihm nicht um einen weiteren, austauschbaren Beitrag zur katholischen Liturgie ging, sondern um ein persönliches Bekenntnis: um «wahre Kirchenmusik», wie er im Jahr 1818 notierte.
So hoch Beethovens eigene Ansprüche an das Werk waren, so schwer taten sich Zeitgenossen und Nachgeborene. Bei der Teiluraufführung in Wien 1824 stand die Missa klar im Schatten der ebenfalls neuen 9. Sinfonie, bei späteren Hörern hielten sich Zustimmung und Ablehnung die Waage. Für die einen hatte der Komponist hier sein Bestes geleistet, andere empfanden einen «Mangel an Einheit». Bis heute dürfte op. 123 unter allen Hauptwerken Beethovens eines der umstrittensten sein.
Dabei begann alles recht harmlos. 1819 starb der Erzbischof von Olmütz; zu seinem Nachfolger wurde Erzherzog Rudolph, der jüngste Bruder des Kaisers und Kompositionsschüler Beethovens, erkoren. Beethoven, der seinem Gönner bereits eine ganze Reihe von Werken gewidmet hatte und sich zudem Hoffnungen auf ein Kapellmeisteramt machte, erklärte sich bereit, eine feierliche («solenne») Messe zur Inthronisation Ferdinands beizusteuern. Als diese im März 1820 stattfand, lagen allerdings lediglich zwei der fünf Messsätze vor; das Projekt war aus dem Ruder gelaufen. Erst drei Jahre später kam es zur Übergabe der vollendeten Widmungspartitur.
Die Gründe für diese Verzögerung sind vielfältig. Zum einen bereitete sich Beethoven umfassend auf die Vertonung vor: Er liess sich nicht nur den lateinischen Text der Liturgie übersetzen, sondern studierte auch Musik des Mittelalters und der Renaissance, flankiert durch Lektüre theologischer und philosophischer Texte. Schon diese Sorgfalt belegt, dass es dem Komponisten um ein Massstab setzendes Werk ging, eines von persönlicher und allgemeiner Aussagekraft.
Auch formal beschritt Beethoven neue Wege. Anstatt den Messtext in viele kleine «Nummern» – Chorsätze, Arien, Ensembles – zu untergliedern, wie es Bach, Haydn und Mozart getan hatten, beschränkte er sich auf die fünf von der Liturgie vorgegebenen Abschnitte: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei. Innerhalb dieser Abschnitte jedoch wechselt der Ausdruck, wechseln Tempo, Tonart, Metrum und Besetzung je nach Textvorlage häufig. Es entstehen panoramaartige Tableaus von grosser Sog- und Bildkraft, deren Intensität freilich so manchen Hörer überforderte. Nichts ist hier zufällig, alles dem Gesamtzusammenhang untergeordnet.
Zu Beethovens Innovationen zählt ausserdem, wie er in der Missa Solemnis Altes und Neues, Tradition und Moderne zueinander in Beziehung setzt. Fugen und altertümliche Harmonien stehen gleichberechtigt neben sinfonischer Orchesterbehandlung und ungewöhnlichen Akkordfolgen. Herkömmliche Textausdeutung existiert ebenso wie expressive Klangfarbenarbeit. Als echtes Alleinstellungsmerkmal darf die «Wandlungsmusik» gelten, ein rein instrumentales Präludium, das Beethoven dem Benedictus voranstellt.
Vielleicht das Faszinierende an der Missa Solemnis, jedenfalls aus heutiger Sicht, ist das Ineinander von Glaube und Zweifel, dieser höchst individuelle Zugang zum Phänomen der Religiosität. Beethovens Musik bietet den Fragen, der Sehnsucht und Verzweiflung ebenso Raum wie dem Jubel, der Zuversicht, der Stärke. Fand sich doch auch der 50-jährige Komponist selbst in einer zwiespältigen Situation wieder: als Musiker bewundert, in privater Hinsicht gescheitert. Kalt lässt sein «grösstes Werk» jedenfalls keinen.

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Biographie

Orchestre des Champs-Élysées

Als Philippe Herreweghe 1991 das Orchestre des Champs-Élysées gründete, hatte ein auf Originalinstrumenten spielendes Ensemble in Frankreich noch gefehlt – wenigstens eines von derartiger Qualität. Umgekehrt fügte Herreweghe seiner Reihe von Spezialformationen für die Erkundung bestimmter Musikepochen ein weiteres hinzu. Das Orchestre des Champs-Élysées konzentriert sich auf sinfonische und oratorische Werke von Klassik, Romantik und klassischer Moderne, dargeboten mit dem jeweiligen Instrumentarium der Zeit. So entstanden preisgekrönte Aufnahmen von Mozart und Beethoven, aber auch von Berlioz, Bruckner und Mahler. Zu den Gastdirigenten zählten Daniel Harding, René Jacobs und Heinz Holliger; Tourneen führten das in Paris beheimatete Orchester nach Asien, Australien und in die USA, in die grossen Konzertsäle von London, Berlin, Wien und Amsterdam. Musikwissenschaftliche Forschungen und pädagogische Projekte runden die Arbeit des Orchestre des Champs-Élysées ab.

Collegium Vocale Gent, Chor

Als sich im Jahr 1970 einige Musikstudenten der Universität Gent unter Leitung von Philippe Herreweghe zu einem Chor zusammenfanden, konnten sie nicht ahnen, dass sie einmal zu den Pionieren der historischen Aufführungspraxis gezählt werden würden. Doch die Professionalisierung schritt rasch voran, und durch die Zusammenarbeit mit Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt errang man öffentliche Aufmerksamkeit. Nach wie vor bildet die Musik Johann Sebastian Bachs Kern- und Angelpunkt im Wirken des Ensembles, doch reicht das Repertoire wesentlich weiter, von der frühen Vokalpolyphonie bis zu den grossen Chorwerken des 19. und 20. Jahrhunderts; auch Musik von Philip Glass und Carl Orff hat man im Programm. Sichtbarster Beleg für diese Bandbreite sind die auf mittlerweile über 100 angewachsenen CD-Einspielungen, viele von ihnen preisgekrönt. Seit 2017 bestreitet das Collegium Vocale Gent, das in wechselnden Besetzungen und Grössen auftritt, zusätzlich ein eigenes Musikfestival rund um Siena.

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