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Dirigent

3. - 5. Mai '21

Tournee VI
3. - 5. Mai '21

Sakari Oramo

Tournee

Konzertdaten und Orte

Interpreten

Programm Bern

Auch in der Saison 2020/21 bieten die Migros-Kulturprozent-Classics ausgewählten Talenten aus der Schweiz zu Beginn zahlreicher Konzerte die Chance, sich dem heimischen Publikum vorzustellen. Nach ihrem Auftritt wird jeweils der Applaus gemessen. Das Nachwuchstalent mit dem stärksten Zuspruch wird in der kommenden Saison als Solist oder Solistin engagiert. Eine «Ouvertüre» also in doppelter Hinsicht: nicht nur als Einstimmung auf den Konzertabend, sondern auch als Türöffner für die Stars von morgen.
Als die 4. Sinfonie von Jean Sibelius 1911 in Helsinki zur Uraufführung kam, sorgte sie für erhebliche Irritationen. «Auf die Zuschauer wirkte die 4. Sinfonie wie ein Schock», erinnerten sich Zeitzeugen, «dieses asketische, karge Werk blieb unbegreiflich.» Einen «Stilwechsel» hatte Jean Sibelius selbst angekündigt, freilich nur in seinem Tagebuch und auch da mit Fragezeichen in Form einer Selbstvergewisserung. Offenbar hatten seine Begegnungen mit der Musik der Moderne – Debussy, Mahler und Schönberg, – die er seit der Dritten gemacht hatte, Spuren hinterlassen.
Zum Auslöser für das neue Werk wurde ein Ausflug nach Nordkarelien im Herbst. «Einer der grössten Eindrücke meines Lebens», notierte Sibelius nach Besteigung des Berges Koli, und: «Pläne». Direkt im Anschluss entstanden Skizzen zu einer Tondichtung mit dem Titel «La Montagne», die dann aber in die Sinfonie eingingen; auch ein unvollendetes Orchesterlied nach Poes «The Raven» lieferte Material.
Entscheidender als diese Bezüge zu Natur und Poesie, zu Aussermusikalischem also, sind die neuen kompositorischen Massnahmen, die es erlauben, von einem Stilwechsel zu sprechen. In der Vierten arbeitet Sibelius nicht mehr mit Themen, sondern mit kurzen Motiven, die er ständig variiert und fortentwickelt; mit einem Zentralintervall, dem Tritonus, der sämtliche Sätze prägt; sowie mit tonalitätssprengenden Elementen wie Ganztonleitern oder Bitonalität. Kein Wunder, dass es diese «vergeistigte» (Sibelius) Musik schwer bei den Zeitgenossen hatte. Heute gilt die Vierte als herausragendes Beispiel für einen individuellen sinfonischen Beitrag an der Schwelle zur Moderne.
Die 2. Sinfonie zählte schon früh zu den populärsten Schöpfungen von Jean Sibelius. Mit ihren einprägsamen Melodien, ihrem anfangs pastoralen, zuletzt fast heroischen Ton wirkte sie wie ein Gegenentwurf zur schroffen, hermetischen Vierten. Die hellen, freundlichen Farben des ersten und dritten Satzes brachte man mit Sibelius’ Italienaufenthalt 1901 in Verbindung, während dessen ein grosser Teil der Sinfonie entstand. Die Düsternis des langsamen Satzes dagegen liess sich auf die bedrückende Situation in Finnland beziehen, das noch immer unter russischer Herrschaft stand. Vor allem finnische Kritiker scheuten sich nicht, die Stimmungskurve der Sinfonie in direkte Parallele zur politischen Lage zu setzen: glückliche Vergangenheit – Klage über die Gegenwart – Auflehnung – Befreiung. Vor der Unabhängigkeit des Landes (1917) gab es solche Interpretationen zuhauf, und noch 1945 wurde die Zweite als «Finnlands Freiheitskampf» bezeichnet. Aber wie so oft bei Sibelius ist die Sache komplizierter. Dass der Komponist durch den Süden künstlerisch inspiriert wurde und dass diese Inspiration in sein neues Werk einfloss, gab er selbst zu: Er sei «in dieser Schönheit und Wärme ein ganz anderer Mensch geworden», schrieb er aus Rom. Auf der anderen Seite war sein privates Leben weiterhin von Widersprüchen durchzogen. Da gab es wachsenden künstlerischen Erfolg und dennoch Geldsorgen, den Rückhalt durch die Familie und gleichzeitig eine gefährliche Typhus-Erkrankung der Tochter Ruth. Politisch war Sibelius natürlich ein Verfechter der finnischen Sache, ohne sich jedoch instrumentalisieren zu lassen. Und so ist auch die 2. Sinfonie, selbst wenn all diese unterschiedlichen Erfahrungen in sie eingegangen sein sollten, ein autonomes Kunstwerk, das seine ganz eigene Geschichte erzählt.

Programm Genf

Auch in der Saison 2020/21 bieten die Migros-Kulturprozent-Classics ausgewählten Talenten aus der Schweiz zu Beginn zahlreicher Konzerte die Chance, sich dem heimischen Publikum vorzustellen. Nach ihrem Auftritt wird jeweils der Applaus gemessen. Das Nachwuchstalent mit dem stärksten Zuspruch wird in der kommenden Saison als Solist oder Solistin engagiert. Eine «Ouvertüre» also in doppelter Hinsicht: nicht nur als Einstimmung auf den Konzertabend, sondern auch als Türöffner für die Stars von morgen.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts stand Sibelius an der Spitze der finnischen Nationalbewegung. Seine Werke, die auf nordischen Mythologien basieren, brachten ihm die Anerkennung des finnischen Staates, der ihm ein Stipendium auf Lebenszeit gewährte. Dieses ermöglichte ihm ein Komponieren im völliger Gelassenheit. Sibelius verwendete den grössten Teil seines Talents im sinfonischen Bereich, eine Form, die er immer wieder hinterfragte. Seine Sinfonie Nr. 5, die er auf Wunsch der finnischen Regierung komponierte, entstand aus ganz unterschiedlichen Skizzen, die Sibelius zusammensetzte "wie Mosaiksteine, die Gott vom Himmel heruntergeworfen hätte". Eine erste viersätzige Version der Sinfonie wurde im Dezember 1915 bei einem Konzert anlässlich des 50. Geburtstags des Komponisten erfolgreich uraufgeführt. Dieser war aber damit nicht zufrieden. In der zweiten Fassung, die Sibelius im folgenden Jahr vorlegte, waren die ersten beiden Sätze zu einem einzigen vereinigt. In einem dritten Versuch, das Werk zu verbessern, bereicherte der Komponist den langsamen Satz mit Variationen und bereinigte das Schlussstück. "Ich habe mit Gott gekämpft" schrieb er im April 1919 in seinem Tagebuch, bevor er weitere letzte Anpassungen vornahm. Es war diese letzte Fassung, uraufgeführt im Oktober 1921 unter der Leitung des Komponisten in Helsinki, die sich schliesslich im sinfonischen Repertoire durchsetzte. Dieses höchst originelle Werk ist nach wie vor eine der beliebtesten Produktionen von Sibelius.
Mit ihren Halbtonschattierungen, ihren tonalen Zweideutigkeiten und der anhaltenden ruhigen Stimmung bleibt Sibelius' Sechste im sinfonischen Schaffen des finnischen Komponisten eher im Hintergrund. Ohne die Höhepunkte der Fünften, ohne die Frische und Nervosität der Dritten erreicht diese Sinfonie eine Intimität, die der englische Komponist und Dirigent Constant Lambert als "viel aufschlussreicher für den wahren Sibelius" ansah, "so wie Beethovens Vierte und Achte den Geist des Musikers authentischer darstellen als die beliebten ungeradzahligen Sinfonien". Sibelius entwarf seine Sechste bereits 1919 und arbeitete vier Jahre daran bis zur von ihm selbst geleiteten Uraufführung am 19. Februar 1923 in Helsinki. Die Besetzung des Orchesters enthält zwei ungewöhnliche Instrumente: Harfe und Bassklarinette. Letztere taucht sonst nirgendwo im sinfonischen Schaffen des finnischen Komponisten auf. Die von Sibelius gewählte Tonart d-Moll bezeichnet eigentlich ein Klima, das eher modal (dorisch) als wirklich tonal ist. Der Musiker zeigte damit seine Bewunderung für den italienischen Renaissance-Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina. Der Kopfsatz ist charakteristisch für den von Sibelius gepflegten "nicht-thematischen" Stil, bei dem er sich durch Verzicht auf ein zweites Thema vom klassischen Sonatenallegro abwandte. Das absteigende Viertonmotiv dient als "Keimzelle" und bestimmt die ganze Sinfonie. Diese entwickelt sich in heiterer Stimmung bis zum abschliessenden Allegro molto, dem einzigen wirklich dramatischen Moment des ganzen Werkes.
In den Jahren 1920-1925 entstanden vier sehr bedeutsame Werke im Oeuvre des Komponisten: Die 6. und die 7. Sinfonie, die Bühnenmusik "Der Sturm" und die Tondichtung "Tapiola". Eine 8. Sinfonie hat nicht überlebt: Die Partitur wurde wahrscheinlich vom Komponisten zerstört. Der Zweifel hatte sich seiner bemächtigt und er hüllte sich drei Jahrzehnte lang in Schweigen, bevor er wenige Monate vor seinem 92. Geburtstag starb. Bei der Uraufführung in Stockholm am 24. März 1924 wurde Sibelius' letzte Sinfonie als Sinfonische Fantasie vorgestellt, ein Titel, der sich durch die einsätzige Form rechtfertigt, wobei schnelle mit langsamen Episoden abwechseln. Es ist jedoch unmöglich, die verschiedenen Teile abzugrenzen, dafür sind die Übergänge zu subtil! Das Werk basiert auf drei Hauptideen, die schon in der Einführung, einem kraftvollen, langsamen Abschnitt, umrissen werden. Ein weiteres Element, das sich von Anfang bis Ende - auf sehr unterschiedliche und oft nicht wiedererkennbare Weise - durch das Werk zieht, ist die Abfolge von zwei absteigenden (D-C) oder aufsteigenden (B-C) Noten. Diese Siebente stellt den Höhepunkt eines ganzen schöpferischen Lebens dar und bietet eine Synthese des sinfonischen Stils des Komponisten, wie ihn Mahler 1907 während eines Aufenthalts in Helsinki definierte: "Ich bewundere Sibelius' Stil und die Strenge der Form; die Einheit zwischen allen Motiven ist zutiefst logisch".

Programm Zürich

Auch in der Saison 2020/21 bieten die Migros-Kulturprozent-Classics ausgewählten Talenten aus der Schweiz zu Beginn zahlreicher Konzerte die Chance, sich dem heimischen Publikum vorzustellen. Nach ihrem Auftritt wird jeweils der Applaus gemessen. Das Nachwuchstalent mit dem stärksten Zuspruch wird in der kommenden Saison als Solist oder Solistin engagiert. Eine «Ouvertüre» also in doppelter Hinsicht: nicht nur als Einstimmung auf den Konzertabend, sondern auch als Türöffner für die Stars von morgen.
Jean Sibelius’ Aufstieg zum finnischen Nationalkomponisten begann in den 1890er-Jahren: mit Werken wie der Chorsinfonie «Kullervo», der Tondichtung «En Saga» und der «Lemminkäinen-Suite» nach Texten oder im Geist des Kalevala-Epos. Zu diesem Zeitpunkt stand Finnland, das erst 1917 unabhängig wurde, noch unter russischer Herrschaft. Als Zar Nikolaus die Autonomie des Landes 1899 radikal einschränkte, kam es allerorten zu passivem Widerstand – und mit «Finlandia» lieferte Sibelius die umjubelte Begleitmusik.
Ihn ausschliesslich unter diesem Aspekt beurteilen zu wollen, würde dem Komponisten allerdings nicht gerecht. Zeitgleich entstand nämlich Sibelius’ 1. Sinfonie, in der die individuellen Züge und das Fortschreiben europäischer Traditionen nationales Pathos überformen. Anklänge an bewunderte Komponisten wie Tschaikowski (Andante), Grieg (erster Satz), aber auch Bruckner (Scherzo) etwa sind unüberhörbar. Eröffnet wird die Sinfonie durch ein Klarinetten-Thema, das mit seinem langen Atem, seinem zögerlichen Anrollen geradezu beispielhaft für den Sibelius-Stil steht.
Gleichzeitig aber enthält dieser Beginn den Erfindungskern für praktisch alle Themen der Sinfonie. Sibelius arbeitet in op. 39 mit kleinsten motivischen Einheiten, die er ständig verwandelt und neu kombiniert. Getreu seinem künstlerischen Motto: «Eine Sinfonie muss im Aufbau Strenge, Stil und Logik haben, die einen inneren Zusammenhang zwischen allen Motiven schafft.» Oder, allgemeiner formuliert: «Musik fängt dort an, wo das Wort aufhört.»
In den Sinfonien von Jean Sibelius spiegeln sich, so heisst es, die persönlichen Lebensumstände ihres Schöpfers: Krisen, Aufbrüche, nationale Begeisterung, Rückzug. Bei der Sinfonie Nr. 3 (1904–07) scheint diese Verbindung besonders deutlich offen zutage zu liegen. Sie entstammt einer Zeit, als der mittlerweile 40-jährige Sibelius im Inwie Ausland grosse Erfolge feierte. Eine Anerkennung, von der er auch im Privatleben profitierte: 1904 bezog die Familie ein Landhaus bei Järvenpää, etwa eine Stunde von Helsinki entfernt. Hier entstanden grosse Teile des neuen Werks.
Wer nach Spuren dieser biografischen Konsolidierung in der Sinfonie sucht, wird rasch fündig. Sie steht in C-Dur, hat drei Sätze, beginnt mit einem munteren Tanzliedchen und tendiert generell zum Neoklassizismus anstatt zur pathetisch-spätromantischen Geste wie ihre beiden Vorgänger. Zieht sich da einer aufs Bewährte zurück, scheut das Risiko?
Das Gegenteil ist der Fall. Im Detail enthält die Dritte eine Menge Neues, Ungewöhnliches, nur dass sie dies auf freundlichere Weise vorbringt als die anderen Sinfonien. Formal etwa hält sich Sibelius kaum noch an die Vorgaben: Im ersten Satz wird der Gegensatz von Durchführung und Reprise durch ein langes Crescendo überlagert, der zweite Satz ist eine Mischung aus langsamem Satz und Scherzo, während sich das Finale traditionellen Formbegriffen gänzlich verweigert. Hinzu kommen eine ausgefeilte Klangregie, die Arbeit mit fremdartigen Tonleitern und die ständige Metamorphose des Ausgangsmaterials, was dieser Musik einen improvisatorischen Zug verleiht.

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Biographie

Als der Finne Sakari Oramo 1998 Nachfolger von Simon Rattle am Pult des City of Birmingham Symphony Orchestra wurde, war sein Name nur Fachleuten ein Begriff. Das hat sich nachhaltig geändert; längst zählt der aus Helsinki stammende Oramo zu den führenden Dirigenten weltweit. Nach zehn Jahren in Birmingham wechselte er als künstlerischer Leiter zum Stockholm Philharmonic Orchestra, 2013 übernahm er zusätzlich das Chefdirigentenamt des BBC Symphony Orchestra, um nur zwei Jahre später von der Londoner Royal Philharmonic Society zum Dirigenten des Jahres gekürt zu werden. Daneben ist er weiterhin in seiner finnischen Heimat tätig, wo er 2006 die West Coast Kokkola Opera als alternatives Opernprojekt aus der Taufe hob. Zum Dirigieren kam Oramo interessanterweise nicht auf direktem Weg; er begann seine Ausbildung während seiner Zeit als Konzertmeister des Finnischen Radiosinfonieorchesters. Dort machte er so nachdrücklich auf sich aufmerksam, als er für einen erkrankten Dirigenten einsprang, dass man ihm schon bald die Orchesterleitung übertrug.

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