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19. Nov '20

Konzert
19. Nov '20

Philippe Herreweghe

Tournee

Konzertdaten und Orte

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Programm

Beethovens öffentliches Konzert im Theater an der Wien am 5. April 1803 umfasste (unter anderem!) drei neue Werke des Bonner Meisters: Das Oratorium Christus am Ölberg, das 3. Klavierkonzert und die 2. Sinfonie. Während die Presse am Tag nach der Uraufführung kein Wort darüber verlor, gab es nach der Veröffentlichung des Werkes zwei Jahre später in Leipzig hemmungslose Kritiken: «Das ist ein grobschlächtiges Ungeheuer, ein durchbohrter Drache, der unbeugsam weiterkämpft und nicht sterben will (...), obwohl er (im Finale) sein Blut verliert», äusserte sich ein gewisser Spazier.
Ein «Ungeheuer», wirklich? Das so verunglimpfte Werk zeigt keine Spuren der tiefen inneren Krise, die Beethoven 1802 durchmachte, im Jahre des unseligen «Heiligenstädter Testaments». Durch seine unerbittlich zunehmende Taubheit in die Verzweiflung getrieben, schrieb der Musiker seinen Brüdern einen Brief, den er schliesslich nie abschickte: «(...) es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte (...).» Einen Vorgeschmack dieser schöpferischen Kraft gab Beethoven in seiner Sinfonie in D-Dur, welche im Wesentlichen während dieses Jahres 1802 entstand. «Ich bin nun bereit, auf einer neuen Bahn weiterzugehen», hatte er damals seinem Schüler Carl Czerny anvertraut. Die Neuerungen sind zahlreich und bedeutend in diesem entscheidenden Werk, das sich insbesondere durch eine gewaltige, langsame Einführung, einen ausgesprochen gesanglichen langsamen Satz und ein schwungvolles Finale auszeichnet.
Vier Jahre lang, von 1804 bis 1808, arbeitete Ludwig van Beethoven an seiner 5. Sinfonie – ein deutliches Zeichen für den hohen Anspruch, den er an seine erste Moll-Sinfonie stellte. In diese Zeit fallen einige markante Ereignisse politischer wie privater Art: die drohende Niederlage gegen Napoleon, das Eingeständnis irreversibler Ertaubung, aber auch ein neues künstlerisches Niveau seit Beendigung der «Eroica». Welches Konzept verfolgte Beethoven in der neuen Sinfonie? Dass die berühmten Anfangstöne der Fünften für das Schicksal stehen, das «an die Pforte klopft», ist bekannt. Entscheidend aber ist der musikalische Prozess, den sie in Gang setzen. Beethoven schreibt nicht einfach eine Sinfonie, die in Moll beginnt und in Dur endet, sondern er inszeniert diese Entwicklung als folgerichtig, um nicht zu sagen notwendig. In vier Stufen wird das Schicksal überwunden: So scheint C-Dur am Ende von Satz eins bereits erreicht, als eine düstere Coda dieses Ergebnis wieder einkassiert. Im zweiten Satz wird der lyrische Gesamteindruck zusehends durch Marschsignale aufgebrochen – Vorahnung des finalen Triumphs. Selbst das (nicht als solches bezeichnete) Scherzo lebt ganz von musikalischen Konflikten, und hier, in den letzten Takten, erfolgt dann endgültig der Umschwung zum erlösenden C-Dur. Der Schlusssatz ist Jubel pur, dessen weltumspannendes Ethos durch Zusatzinstrumente wie Piccolo, Posaunen und Kontrafagott zum Ausdruck kommt. «Dem Schicksal in den Rachen greifen» – hier geschieht es musikalisch.

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Biographie

1970, mit gerade einmal 23 Jahren, gründete Philippe Herreweghe das Collegium Vocale Gent. Damals schwankte der junge Belgier noch zwischen Medizin und Musik – bis ihn Gustav Leonhardt einlud, an der Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten mitzuwirken. Mit der Zeit wurde Herreweghe selbst zu einem Pionier der historischen Aufführungspraxis, dessen Markenzeichen die stilistische Vielfalt ist: Neben den Hauptwerken des Barocks widmet er sich auch der Renaissancemusik sowie dem klassisch-romantischen Repertoire. Je nach Anforderung stützt er sich dabei auf Spezialensembles wie die Chapelle Royale, das Ensemble Vocal Européen oder das Orchestre des Champs-Élysées – alles Formationen, die er selbst gründete. Herreweghe erhielt nicht nur zahlreiche musikalische Auszeichnungen, sondern auch gesellschaftliche Ehrungen, etwa als Kultureller Botschafter Flanderns und Ritter der französischen Ehrenlegion. Für den Start seines 2010 etablierten eigenen CD-Labels «phi» wählte er demonstrativ ein nicht-barockes Werk: Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 4.

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